Das Geschäft am Laufen halten: Die Eigenkapitalreserven der Thüringer Betriebe werden immer geringer. Besonders betroffen sind Lebensmittelbetriebe mit angeglie-dertem Gastronomie-Bereich.
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Das Geschäft am Laufen halten: Die Eigenkapitalreserven der Thüringer Betriebe werden immer geringer. Besonders betroffen sind Lebensmittelbetriebe mit angeglie-dertem Gastronomie-Bereich.

Corona-Pandemie frisst Eigenkapitalreserven auf

Sechste Betriebsbefragung beleuchtet Finanzierungssituation der Betriebe

24. September 2020

Ein gutes halbes Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie sind weiterhin mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe in Nord- und Mittelthüringen von negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie betroffen. Die gute Nachricht: Die meisten Befragten (80 Prozent) sehen keine Gefahr der bilanziellen Überschuldung. Die schlechte Nachricht: Die Eigenkapitalreserven der Betriebe werden immer geringer, auch weil sich das Verhalten der Kunden geändert hat und weniger neue Aufträge vergeben werden.

Das ist das Ergebnis der sechsten Betriebsbefragung, die die Handwerkskammer Erfurt in Kooperation mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) durchgeführt hat. Seit Beginn der Pandemie werden die rund 14.000 Betriebe im Kammerbezirk regelmäßig zur Beteiligung an der Umfrage über ihre aktuelle Situation und die Folgen der Corona-Pandemie aufgerufen. Die Ergebnisse sind für die Handwerkskammer Erfurt Grundlage für die weitere politische Arbeit auf Landes- und Bundesebene und stellen die Weichen für Maßnahmen, die die helfen sollen, die Krise zu überwinden.

Nur wenige Betriebe rechnen mit Konkurs

Aktuell verzeichnen rund 56 Prozent der befragten Betriebe negative wirtschaftliche Auswirkungen der Pandemie. Während die Betriebe aus dem Bauhauptgewerbe (66 Prozent) und dem Ausbaugewerbe (58 Prozent) nicht betroffen sind, müssen vor allem die Gewerke des gewerblichen Bedarfs, des Kfz-Handwerks, des Lebensmittelhandwerks, der Gesundheitshandwerke und der persönlichen Dienstleistungen gegen eine Krise ankämpfen. „Insbesondere Betriebe, die ihre Umsätze nicht nur im eigentlichen Ladengeschäft generieren, sondern wie zum Beispiel Bäcker und Fleischer auch stark im Catering engagiert sind und/oder große Café- oder Bistro-Bereiche unterhalten, spüren die Auswirkungen, ähnlich wie das Gastronomiegewerbe, noch heute“, erklärt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, Thomas Malcherek. Er zeigt sich erleichtert, dass trotz der Betroffenheit aktuell kaum einer der befragten Betriebe (3 Prozent) davon ausgeht, einen Insolvenzantrag stellen zu müssen. „Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sie vor der Corona-Pandemie auf wirtschaftlich gesunden Beinen standen und zielführend gearbeitet haben. Von dieser Stabilität zehren sie jetzt in der Krise“, betont der Kammer-Chef.

Weil die Umsätze und die Gewinne gesunken, die Fixkosten jedoch fast gleichbleibend sind, ist die Liquidität vieler Unternehmen belastet. 42 Prozent der Betriebe bestätigen, dass sich ihr Eigenkapital seit Beginn der Pandemie reduziert hat. Und 41 Prozent der Betrieb gehen davon aus, dass sie die finanziellen Engpässe – auch mit Blick auf mögliche regionale Lockdowns in den Herbst- und Wintermonaten – vergrößern werden. „Sie müssen jetzt die Chance haben, ihr Eigenkapital wieder aufzustocken. Nur dann ist erfolgreiches Wirtschaften möglich, nur dann können Ausbildungs- und Arbeitsplätze gesichert, Innovationen getätigt und ein Beitrag für die Attraktivität der Region geleistet werden“, betont Thomas Malcherek.

Anreize zur Eigenkapitalbildung notwendig

Die Handwerkskammer Erfurt steht dafür ein, die Rahmenbedingungen zu verbessern und steuerliche Anreize zur Eigenkapitalbildung zu ermöglichen. „Mit Hilfe der sogenannten Thesaurierungsrücklage muss die Besteuerung nicht entnommener Gewinne in Einzelunternehmen und Personengesellschaften zügig an die Regelungen bei Kapitalgesellschaften angepasst werden“, schlägt der Hauptgeschäftsführer vor. Daneben sollten Instrumente wie stille Beteiligungen forciert werden.

Um die Krise zu überstehen, bauen die Betriebe bisher auf die Kombination verschiedener Hilfsinstrumente. Neben der Produktionsanpassung und der Änderung des Geschäftsmodells nutzen sie Unterstützungsmaßnahmen oder beantragen finanzielle Mittel. Zwar setzt aktuell weniger als ein Drittel der Betriebe auf die vom Bund und Land zur Verfügung gestellten Corona-Hilfen wie Sofort- und Überbrückungshilfen oder Darlehen. Dennoch sprechen sich knapp 30 Prozent der Betriebe für einen weiteren Handlungsbedarf für staatliche Hilfsmaßnahmen aus. „Diese müssten klar kommuniziert und möglichst schnell und möglichst unbürokratisch bewilligt werden“, so Malcherek.

Auffällig ist, dass fast jeder zehnte Betrieb (9 Prozent) Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme außerhalb der Covid-19-Fördermaßnahmen meldet. Betriebe berichten von Kreditablehnungen, beklagen höhere Ansprüche an die Kreditsicherheiten oder führen Linienkürzungen als Problem an. Von Kreditablehnungen sind insbesondere Solo-Selbstständige betroffen. „Soloselbstständige und auch Unternehmen, die noch nicht länger als drei Jahre am Markt sind, zählen gewissermaßen zur wirtschaftlichen Risikogruppe der Corona-Pandemie. Sie dürfen nicht aus den Augen verloren werden und müssen einen erleichterten Zugang zu Hilfsmaßnahmen erhalten“, so Malcherek.