Auszeichnungsveranstaltung der Handewerkskammer Erfurt fuer 25-jaehrige Jubilaeen von Handwerksbetrieben am 15.10.2015 in Erfurt ( Thueringen ). Foto: Michael Reichel/arifoto.de Schlagwort(e): lth
Auszeichnungsveranstaltung der Handewerkskammer Erfurt fuer 25-jaehrige Jubilaeen von Handwerksbetrieben am 15.10.2015 in Erfurt ( Thueringen ). Foto: Michael Reichel/arifoto.de

Betriebsgründer der Wendezeit geehrt

Präsident Lobenstein: Handwerk war Motor des Aufbau Ost

Am 3. Oktober hat ganz Deutschland begeistert 25 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Was in den Medien etwas zu kurz kam: In diesem Jahr begingen die Handwerkskammern in ihrer neuen freiheitlichen Selbstverwaltungsstruktur und Tausende von Handwerksbetrieben in den neuen Ländern ihre „Silberne Hochzeit“. Ein guter Grund zum Feiern. Mitte Oktober hat die HHandwerkskammer Erfurt in einer Feierstunde in ihrem Berufsbildungszentrum zahlreiche Handwerksbetriebe anlässlich ihres 25. Betriebsjubiläums geehrt.

Die Feierlichkeiten standen unter dem Motto „Aufbruch im Umbruch – Betriebsgründung in der Wendezeit“. Die friedliche Revolution 1989 und die Deutsche Einheit 1990 waren Signale für den Aufbruch in eine neue politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ära. Zahlreiche Handwerker haben sich in dieser Zeit mit einem eigenen Handwerksbetrieb selbständig gemacht. Der Festredner Prof. Dr. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden gab einen Überblick über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Deutschen Einheit auf die neuen Länder, speziell auf den wiedergegründeten Freistaat Thüringen. Erhard Sack von der ERSA-Bau GmbH schilderte im Anschluss die Herausforderungen für Betriebsgründungen in der Wendezeit aus seiner persönlichen Sicht.

„Das Handwerk hat das Tor zur Sozialen Marktwirtschaft nach der Wende geöffnet. Es hat sofort Verantwortung übernommen. Das Handwerk war Vorreiter der Deutschen Einheit, Vorreiter einer neuen freiheitlichen Kultur der Selbständigkeit“, so der Präsident der Handwerkskammer Erfurt, Stefan Lobenstein, in seiner Rede. Das sind die Fakten: Bereits drei Monate vor der am 3.Oktober 1990 vollzogenen Deutschen Einheit haben sich die Handwerkskammern und Fachverbände aus der ehemaligen DDR mit den Kammern und Verbänden der alten Länder zusammengeschlossen. Dies war ein klares, sehr frühes Signal zur deutschen Einheit und ein eindeutiges Ja zur Selbstverwaltung im Handwerk. Präsident Stefan Lobenstein blickte auf die Wendesituation des damaligen Handwerks in Thüringen zurück. „Das Handwerk war damals besonders hart von der desolaten wirtschaftlichen Situation der DDR betroffen. Der Steuersatz für Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) lag bei 60 Prozent, für private Handwerker sogar bei 90 Prozent. Da blieb am Ende des Tages nicht mehr viel übrig, Löhne, Preise, Material – alles war staatlich reglementiert“, so Lobenstein.

Umso größer waren die Bestrebungen, ein neues, ein anderes Handwerk zu schaffen. Der 20. Dezember 1989 sollte eine Geburtsstunde der besonderen Art für die Handwerkskammer Erfurt werden. Zum einen gab es im Gegensatz zu Gründungen und Wiedergründungen der Vergangenheit kein Netz aus Verordnungen und Gesetzen. Zum anderen war die Handwerkskammer des Bezirks Erfurt die erste in der DDR, die einen demokratisch legitimierten Vorstand und mit Wolfgang Bachmann den ersten frei gewählten Präsidenten an der Spitze hatte.[1] Unmittelbar nach der Wahl mussten sich die Verantwortlichen dem Tagesgeschäft stellen. Für das Handwerk der neuen Länder begann ein schwieriger Anpassungsprozess. Handwerker mussten sich nun neben freier Preisbildung und der Fülle von Steuern auch mit starker Marktkonkurrenz auseinandersetzen.

Die Herausforderungen im wiedervereinigten Deutschland hat das Handwerk gemeistert und schreibt seit einem Vierteljahrhundert eine echte Erfolgsgeschichte. Das Handwerk hat zusammengebaut, was zusammengehört und ist heute der wichtigste Innovationstreiber. Diese Erfolgsgeschichte macht gleichzeitig Mut, sich den aktuellen Herausforderungen offensiv zu stellen: der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft, der Überbürokratisierung, der drückenden Steuerlast, dem Fachkräftemangel und ganz aktuell der Integration von Migranten und Flüchtlingen in Ausbildung und Beruf. Hier ist sich das Handwerk seiner Verantwortung bewusst. Die ersten Projekte sind in Vorbereitung. „Das Handwerk war der Motor der Einheit, der Motor des Aufbaus Ost. Darauf können wir heute im Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit stolz sein. Wir haben unseren Beitrag geleistet.“, so Präsident Lobenstein.

[1] Richtigstellung An dieser Stelle möchten wir einen Beitrag der DHZ-Ausgabe vom 25. September 2015 richtig stellen, in dem irrtümlicherweise Rolf Ostermann als erstgewählter Handwerkskammerpräsident bezeichnet wurde. Im Bericht lag eine Namensverwechslung vor.