Pressetour 2014 - Handwerk unterwegs
Handwerkskammer Erfurt

"Fachkräftenachwuchs - Finden auf anderen Wegen"

Handwerkskammer Erfurt stellte zur Pressetour Betriebe und Projekte vor

„Mir macht einfach alles an meinem Beruf Spaß“, sagt Svitlana Trofimento. Die gebürtige Ukrainerin ist seit dem 1. August bei „Coiffeur Kaufmann“ in Wandersleben beschäftigt. Sowohl Friseurmeisterin Burgunda Kaufmann, als auch ihre neue Mitarbeiterin sind überaus zufrieden – ein starkes Team, aber kein leichter Weg dahin. Obwohl Svitlana bereits in der Ukraine als Friseurin tätig war, fiel es ihr nicht leicht in Deutschland in dieser Branche Fuß zu fassen – so ganz ohne Berufsabschluss, nur wenig Deutschkenntnisse und mit einer kleinen Familie. Sie lebt hier schon seit elf Jahren, pendelte jedoch mehrere Jahre zwischen Deutschland und der Ukraine hin und her, da ihr Mann noch bis vor kurzem in der alten Heimat lebte. So wie sich die 31-Jährige über ihre neue Arbeit freut, so auch Burgunda Kaufmann über ihre neue Mitarbeiterin. Die Friseurmeisterin hat Jahrzehnte lang Lehrlinge ausgebildet und bedauert den drastischen Rückgang an Lehrlingen und somit auch an Fachkräftenachwuchs. Svitlana ist zwar kein Lehrling, lernt aber bei ihr. „Modulare, abschlussbezogene Nachqualifizierung“ heißt das Förderprogramm, das Menschen wie Svitlana – ohne verwertbaren Beruf oder gar keinen Beruf - bis zum Berufsabschluss führt.

Das Problem des fehlenden Fachkräftenachwuchses ist Kfz-Technikermeister Matthias König von der K&O GmbH in Gotha ebenfalls bekannt. Auch in dieser Branche macht sich der Bewerbermangel bemerkbar. In Zahlen ausgedrückt heißt dies: Aktuell 50 unbesetzte Ausbildungsstellen für Kfz-Mechatroniker allein im Kammerbezirk Erfurt.

Doch woran liegt es, dass die Zahlen an Lehrlingen im Handwerksbereich so stark zurückgehen? Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, Thomas Malcherek, sieht die Ursache im Geburtenrückgang und in der zunehmenden Akademisierung. Der Trend zeige immer stärker hin zur Hochschulreife und anschließendem Studium. Doch diese Entwicklung gehe in eine völlig falsche Richtung, so Malcherek. „Natürlich sollen leistungsstarke Jugendliche ihr Abitur ablegen. Doch nicht immer ist ein anschließendes Studium, was häufig für Eltern und Lehrern als logischer nächster Schritt gilt, auch der beste Weg für einen Jugendlichen.“ Hier sind sich Malcherek und Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka einig.

Hinzu kommt das Image des Handwerks. Viele junge Menschen halten das Handwerk für eher traditionell und weniger innovativ. Malcherek sieht das anders: „Da täuscht sich die Jugend. Moderne Technologien und neuste Entwicklungen sorgen ständig für frischen Wind in den Handwerksbranchen.“ Allerdings bringt dies auch immer höhere Anforderungen an Lehrlinge und Fachkräfte mit sich. Aus diesem Grund legt beispielsweise Matthias König nicht nur Wert auf Persönlichkeit und Engagement, sondern auch auf die Noten. Und so sind auch Studienabbrecher bei ihm willkommen; sieht er bei ihnen besonderes Potenzial aufgrund ihres Alters, ihrer Reife, der höheren Belastbarkeit und Zielstrebigkeit.

Doch wie finden Betriebe nun ihren Berufsnachwuchs? Die Pressetour der Handwerkskammer Erfurt machte dazu Station bei „Coiffeur Kaufmann“ und „K&O GmbH“ und zeigte Journalisten einige Möglichkeiten und Perspektiven auf, die das Handwerk bereithält. So bietet sich zum Beispiel für Svitlana nach vielen Absagen auf ihre Bewerbungen jetzt die Chance, nicht nur ihren Traumberuf auszuüben, sondern richtig zu erlernen. Dies liegt nicht zuletzt an der guten Vorbereitung in Theorie und Praxis im BBZ der Handwerkskammer und an der Unterstützung seitens des Coiffeur-Teams.

Auch für Studienabbrecher, Langzeitarbeitslose und Menschen, die sich umorientieren wollen, weil sie mit ihrer bisherigen Berufswahl unglücklich sind, bietet das Handwerk besondere Perspektiven. Praxisnähe, abwechslungsreiche Arbeit und die Möglichkeit, sich in dem gewählten Beruf entfalten zu können, stehen für die Attraktivität des Handwerks. So sehen es auch drei jungen Männer von K+O. Sie brachen ihr Studium ab und orientierten sich komplett neu. Mit dem Kfz-Mechatronikerberuf erfüllen sie sich jetzt ihre Kindheitsträume.
Das Handwerk steht für Zukunft und bietet vielseitige Chancen. Dabei spielen Alter, Bildungs- und persönlicher Hintergrund keine zentrale Rolle. Jeder, der Interesse für handwerkliche Berufe mit sich bringt, ist willkommen.

„Ich bin froh, dass ich diesen Betrieb gefunden und Frau Kaufmann kennengelernt habe“, strahlt Svitlana ihre Gesprächspartner an. Sie blickt nun optimistisch in die Zukunft und möchte nach ihrer Gesellenprüfung in einem Jahr erst einmal in dem Wanderslebener Betrieb bleiben. Aber einen Traum hat sie noch: „Irgendwann möchte ich meinen Meister machen.“

Ein Beitrag von Luisa-Marie Nitzbon

Lesen Sie hier mehr zum Programm der „Modularen, abschlussbezogenen Nachqualifizierung“.