Marlu Müller-Ortloff (1): Gemeinsam mit ihrem Mann hat Marlu Müller-Ortloff den Laden „Erfurter Blau“ auf der Krämerbrücke übernommen.
Farbhandwerk auf der Krämerbrücke in neuen Händen
04. Juli 2026
Marlu Müller-Ortloff und Gregor Sauer entwickeln traditionsreichen Laden „Erfurter Blau“ weiter
Der Laden auf der Krämerbrücke ist Ausstellungsraum, Werkstatt und Wissensort rund um den Färberwaid – einen historischen Farbstoff, der eng mit der Geschichte Erfurts verbunden ist. Nun hat das besondere Projekt neue Betreiber gefunden – und damit eine fachkundige Nachfolge.
Gegründet wurde „Erfurter Blau“ von Rosanna Minelli. Die italienische Restauratorin für Wandmalerei entdeckte den Färberwaid zunächst über ihre Tätigkeit als Stadtführerin. Aus anfänglicher Neugier entwickelte sich eine Leidenschaft, aus alten Rezepturen ein tragfähiges Konzept. So brachte sie ein Stück Erfurter Identität wieder stärker ins Bewusstsein. Nach 13 Jahren im Laden musste sie die Arbeit jedoch aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.
Nachfolge mit Farbverständnis
Mit Marlu Müller-Ortloff und Gregor Sauer, einem Ehepaar aus Weimar, wird die Geschichte des besonderen Handwerks weitergeführt. „Wir wollen die Tradition bewahren, sie aber mit Fingerspitzengefühl weiterentwickeln und auf eine neue Ebene heben. Dahinter steht ein Unternehmen, das von einem Team getragen wird“, sagen sie.
Müller-Ortloff ist ausgebildete Theatermalerin, Sauer arbeitet als Produktdesigner; beide sind zudem Architekten. Gemeinsam mit ihrem Team, zu dem auch Auszubildende gehören, beschäftigen sie sich seit mehr als 25 Jahren mit Farben und Pigmenten, Materialität und Wirkung. Sie haben ein eigenes Farbsystem entwickelt, das auf unterschiedliche Anwendungen zugeschnitten ist. Architektonisches Denken wird dabei mit handwerklicher Praxis verbunden. Historische Rezepturen fließen ebenso ein wie moderne Anforderungen – etwa in der Gebäudesanierung, im Möbelbau oder in der Produktentwicklung.
Komplexes Naturverfahren
Der Einstieg in „Erfurter Blau“ begann für die Weimarer nicht mit einem klassischen Businessplan, sondern über eine gemeinsame Bekannte. Die Chemie mit Rosanna Minelli stimmte, nach einer Kennenlernphase entschied sich das Paar zur Übernahme. „Im Urlaub stand fest: Wir machen das.“
Anfangs hatten sich die Architekten noch gegen das Färben mit Waid entschieden. Mittlerweile bauen sie ein Färbehaus, in dem der nicht ungiftige Stoff unter kontrollierten Bedingungen verarbeitet werden kann – perspektivisch auch für Fachpublikum. „Man steht mit den Händen tief in der Küpe und lernt jeden Tag dazu. Das ist kein hausfrauliches Färben, sondern echtes Handwerk, das noch nie einfach war“, sagt Müller-Ortloff. Tatsächlich gilt Waid als empfindliches Naturprodukt. Temperatur, Zeitpunkt der Verarbeitung und selbst äußere Bedingungen beeinflussen das Ergebnis.
Heute arbeitet sich das Ehepaar Schritt für Schritt in das Verfahren ein und vertieft das Verständnis kontinuierlich. Mittlerweile werden sogar eigene Pflanzen angebaut, um den gesamten Prozess besser nachvollziehen zu können. Zudem rückt der Waid als vielseitiges Naturprodukt in den Blick – auch mit möglichen Anwendungen als Heilpflanze. Kooperationen mit Partnern in Frankreich und Italien erweitern den Horizont: In Toulouse wird etwa an der medizinischen Wirkung geforscht, während Waid bereits in Spa-Produkten und Hotels eingesetzt wird.
Historische Pigmente für die Zukunft
Ein zentrales Anliegen von Müller-Ortloff und Sauer ist die Weitergabe des Wissens. In einer eigenen Akademie bieten sie Kurse für Studierende, Restauratoren und Handwerker an. Ziel ist es, historische Techniken nicht nur zu bewahren, sondern aktiv in Ausbildung und Praxis zu integrieren. „Es darf kein Geheimwissen sein“, betonen sie.
Neben Farben entstehen bereits erste Produkte wie edle Seidenschals oder Arbeitsschutz-Accessoires. Der Anspruch bleibt dabei klar: Färberwaid soll nicht nur als historischer Farbstoff verstanden werden, sondern auch im modernen Alltag seinen Platz finden – trotz aufwendiger Herstellung und entsprechendem Wert.