Gemeinsam für Integration und Fachkräftesicherung im Thüringer Handwerk (v. l.): Irina Michel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesagentur für Arbeit Mitte; Staatssekretär Udo Götze, Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie; Ministerin Colette Boos-John, Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ländlichen Raum; Staatssekretär Christian Klein, Thüringer Ministerium für Justiz, Migration und Verbraucherschutz; Judith Döring, Abteilungsleiterin Berufliche Bildung der Handwerkskammer Erfurt; Tobias Hinz, stellv. Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt; Prof. Dr. Hubert Ertl, Vizepräsident und Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn.
Fachkräftesicherung braucht Integration: Expertenkonferenz zieht Bilanz nach 25 Jahren Migrationspolitik
09. Juli 2026
Knapp jeder zehnte Azubi im Handwerk der Kammer Erfurt hat keinen deutschen Pass: Von 4.052 jungen Menschen in Ausbildung stammen sie aus 50 Nationen, die größten Gruppen aus Vietnam, Syrien und Afghanistan. Diese Zahlen standen im Mittelpunkt der 3. Expertenkonferenz der Handwerkskammer Erfurt, zu der rund 50 Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Arbeitsverwaltung, Berufsschulen und Betrieben im Meistersaal am Erfurter Fischmarkt zusammenkamen.
Dass hinter diesen Zahlen eine dringende wirtschaftspolitische Realität steckt, machte Wirtschaftsministerin Colette Boos-John deutlich: „Die Bereitschaft der Betriebe ist heute nicht der Engpass. Der Engpass sind die langen Verfahren." Die im April 2026 verabschiedete Thüringer Fachkräftestrategie setzt hier an: schnellere Berufsanerkennung, mehr Sprachförderung und eine zentrale Ausländerbehörde beim Landesverwaltungsamt sollen Prozesse deutlich vereinfachen – gerade für kleine Handwerksbetriebe, die keine eigene Personalstelle vorhalten können.
Staatssekretär Christian Klein vom Thüringer Ministerium für Justiz, Migration und Verbraucherschutz verwies darauf, dass Thüringen sich in 25 Jahren strukturell von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland entwickelt habe. Digitalisierung könne dabei helfen, Integration schneller und verlässlicher zu gestalten – durch digitale Verfahren, transparente Antragswege und bessere Behördenschnittstellen. Entscheidend aber bleibe das Menschliche: Begegnung, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung ließen sich durch kein Werkzeug ersetzen.
Staatssekretär Udo Götze vom Thüringer Sozialministerium unterstrich mit Zahlen, wie sehr der Arbeitsmarkt bereits auf Zuwanderung angewiesen sei: Die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ausländerinnen und Ausländer stieg von rund 20.600 im Jahr 2015 auf knapp 79.000 heute. Die Frage laute nicht mehr, ob man internationale Fachkräfte brauche. Entscheidend sei, wie man sie gewinne, wie man sie erfolgreich begleite – und wie man dafür sorge, dass möglichst viele Menschen dauerhaft in Thüringen bleiben wollten.
Erfolgsbeispiele und Handlungsbedarf aus der Praxis
Irina Michel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesagentur für Arbeit Mitte, verdeutlichte, dass die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger im Kammerbezirk bis 2040 von rund 35.700 auf nur noch 17.100 sinken werde – bei nahezu gleichbleibender Zahl offener Ausbildungsplätze. Kein Betrieb könne diese Herausforderung allein stemmen, weshalb die Bundesagentur den Betrieben einen gut gefüllten Werkzeugkoffer anbiete.
Prof. Dr. Hubert Ertl, Vizepräsident und Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung belegte, dass der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund in Handwerksausbildungen binnen zehn Jahren von einem auf elf Prozent gestiegen sei. Praktiker aus Betrieben und Berufsschulen benannten, wo es weiterhin hake: lange Anerkennungsverfahren, fehlende Berufssprache, der Wunsch nach verlässlicheren Strukturen und Digitalisierung. Ihr Fazit: Integration entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im gemeinsamen Arbeiten und Anpacken. Handwerk ist Begegnung.
Handwerk baut auf Kooperationen
Die Handwerkskammer Erfurt kooperiert bereits mit Vietnam, Indien, Usbekistan und Kolumbien, um junge Fachkräfte auf eine Ausbildung in Thüringer Betrieben vorzubereiten – von der Sprachausbildung im Herkunftsland bis zur Begleitung beim Ankommen. Tobias Hinz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, zog ein übergreifendes Fazit: „Wir haben heute alle Experten und Akteure der Integration zusammengebracht: Vertreter aus Ministerien, Bundesbehörden, Forschungsinstituten und aus der betrieblichen Praxis. Die Erkenntnisse, die dabei entstanden sind, tragen wir in die Thüringer Allianz für Ausbildung und Fachkräfteentwicklung und in den Landesausschuss für Berufsbildung weiter, um sie dort zu vertiefen und zum Gelingen der Thüringer Fachkräftestrategie beizutragen.“ Das gemeinsame Ziel bleibt klar: Integration nicht verwalten, sondern aktiv gestalten.