Gerlinde Seupel
Gerlinde Seupel hat zurück zum Handwerk gefunden: Nach Jahrzehnten in der Karibik arbeitet sie seit gut einem Jahr wieder als Vergolderin in Erfurt.

Zurück zu den beruflichen Wurzeln

10. September 2026

Nach 28 Jahren in der Karibik widmet sich Gerlinde Seupel wieder ihrem alten Handwerk

Gerlinde Seupel ist Vergolderin aus Leidenschaft. In ihrer neuen Werkstatt in Erfurt widmet sie sich Objekten, die restauriert und neu vergoldet werden sollen. „Es gibt einige Malermeister, die Vergoldungen anbieten, aber kaum jemanden, der sich darauf spezialisiert hat“, sagt sie.

Gerade die kleinen Aufträge seien ihr Steckenpferd. Eine russische Ikone, deren Gold durch jahrzehntelanges Küssen an manchen Stellen verschwunden war, gehört zu den besonderen Stücken, die sie jüngst restauriert hat. Ebenso gehören Bilder- und Schmuckrahmen zu ihrem Repertoire. Auch Firmen- und Restaurantschilder, deren Hinterglasvergoldung Kratzer aufweisen oder spröde geworden sind, landen auf ihrem Arbeitstisch.

Meistertitel in der DDR

Ihr Wissen hat die Thüringerin bereits in der DDR erworben. Sie lernte Malerin in der Denkmalpflege und machte ihren Meistertitel. Ihre Meisterarbeit – eine mittelalterliche Deckenmalerei in der Musikschule in der Allerheiligenstraße in Erfurt – ist bis heute zu sehen. Schon damals arbeitete sie zeitweise selbstständig und übernahm unter anderem Aufträge von Privatleuten und kirchlichen Werkstätten, aber beispielsweise auch am Schloss Molsdorf. Auch im Bode-Museum in Berlin und an einem Haus der Kirche in Mühlhausen war sie tätig. Dabei beschränkte sich ihre Arbeit nicht auf Vergoldungen: Sie beherrschte auch traditionelle Techniken wie Marmorierungen, Bierlasuren und Kaseinbindetechniken.

Einfach war die Arbeit allerdings nicht. Gold war in der DDR für private Aufträge kaum zu bekommen, weil Westgeld benötigt wurde. Als Selbstständige geriet Gerlinde Seupel zudem ins Visier der Staatssicherheit. 1988 stellten sie und ihr Mann einen Ausreiseantrag. Kurz vor dem Mauerfall konnten sie die DDR verlassen und in Baden-Württemberg ein neues Leben beginnen. In ihrem erlernten Beruf Fuß zu fassen, erwies sich als schwierig, sodass Gerlinde Seupel zunächst in der Werbetechnik arbeitete.

Neuanfang in der Karibik

1994 wagte das Paar einen weiteren Neuanfang – diesmal in der Karibik. Beide machten dort ihr Hobby zum Beruf: Sie wurden Tauchlehrer und bauten gemeinsam eine Tauchbasis auf. Doch auch in dieser Zeit ließ Gerlinde Seupel ihr altes Handwerk nicht los. Insbesondere in den letzten Jahren beschäftigte sie sich wieder intensiv mit der Vergolderkunst und wurde Mitglied der Society of Gilders, einer internationalen Gesellschaft, die sich dem Erhalt und der Verbreitung dieser Handwerkskunst widmet.

Vor vier Jahren kehrte das Paar nach Thüringen zurück. Zunächst kümmerte sich die Handwerkerin um ihre Eltern. Nach deren Tod stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. „Ich war noch zu jung für die Rente. Und ich wollte wieder mehr kreativ arbeiten“, sagt sie.

Neues Kapitel in Erfurt

Sie nutzte die Zeit, um sich Schritt für Schritt wieder in die Vergolderkunst einzuarbeiten, neue Materialien und Techniken kennenzulernen, Kurse in Schwabach zu besuchen und in Florenz zu hospitieren. Seit einem Jahr ist ihre Firma Vergoldart angemeldet, erste Aufträge sind abgearbeitet. Während sie zunächst einen Co-Working-Space beim Restauratorenkollektiv am Leipziger Platz fand, wird sie ab Oktober in ihrer eigenen Werkstatt mit viel Platz arbeiten.

Damit ist Gerlinde Seupel nicht nur nach Thüringen, sondern auch zu ihren beruflichen Wurzeln zurückgekehrt. Die Jahre in der Karibik mit ihrer tollen Landschaft und dem meist guten Wetter waren prägend. „Aber Thüringen ist Heimat. Und gerade Erfurt bietet viel Kunst und Kultur, auf die wir lange verzichten mussten. Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie.