Michael Reichel / arifoto.de
Mit ihren innovativen Projekten beweisen die fünf Nominierten der HWK Erfurt, wie zukunftsorientiert das Handwerk in Nord- und Mittelthüringen aufgestellt ist. Der Dachdeckermeisterbetrieb Milden Hoyer GmbH aus Drei Gleichen hat beispielsweise im Zuge der Unternehmensnachfolge in nur zwei Jahren den familiengeführten Betrieb konsequent digitalisiert und neu ausgerichtet.

Von digital bis nachhaltig: Die Nominierten des Zukunftspreises 2026 setzen starke Impulse für die Zukunft des Handwerks

18. Juni 2026

Die Nominierten des Zukunftspreises 2026 der Handwerkskammer Erfurt und der Industrie- und Handelskammer Erfurt stehen fest. Zahlreiche Handwerksbetriebe aus Nord- und Mittelthüringen hatten sich mit klugen und innovativen Ideen beworben – nun haben fünf von ihnen den Sprung in die Endrunde geschafft: Cycle Care aus Erfurt, die Brillenhelden GmbH aus Leinefelde-Worbis, die Esmühle aus Schimberg/OT Ershausen, die ELMÜ Elektro/Elektronik GmbH aus Mühlhausen sowie der Dachdeckermeisterbetrieb Milden Hoyer GmbH aus Drei Gleichen.

Am 17. Juni stellten die Betriebe in der IHK Erfurt ihre Ideen, Innovationen und Projekte einer unabhängigen Jury vor. Die Qualität und Vielfalt der vorgestellten Projekte machten deutlich, wie engagiert und zukunftsorientiert die regionale Wirtschaft aktuelle Veränderungen gestaltet. „Die Unternehmen unserer Region gestalten die Zukunft mit viel Innovationskraft, Unternehmergeist und Weitblick. Die nominierten Betriebe beweisen eindrucksvoll, dass Innovation und Tradition keine Gegensätze sind, sondern sich erfolgreich ergänzen“, betonte Stefan Lobenstein, Präsident der Handwerkskammer Erfurt.

Cycle Care ist eine mobile Fahrradwerkstatt aus Erfurt, die seit 2023 das gesamte Spektrum an Fahrradwartung und -reparatur direkt beim Kunden anbietet. Das Herzstück ist ein vollausgestattetes E-Lastenrad, das emissionsfrei und klimaneutral durch das Stadtgebiet Erfurt fährt – von Montag bis Samstag im Einsatz. Die Innovation liegt in der Verknüpfung von drei Ebenen: einem mobilen On-demand-Geschäftsmodell, nachhaltiger Mobilität und digitaler Terminbuchung. Damit löst Cycle Care ein konkretes Alltagsproblem: Lange Wartezeiten in stationären Werkstätten und der mühsame Transport eines defekten Fahrrads entfallen vollständig.

„Ich habe die mobile Fahrradwerkstatt gegründet, weil ich gemerkt habe, dass viele Leute in den Fahrradläden abgewiesen werden – weil sie ihr Rad dort nicht gekauft haben. Also bin ich in die Lücke gesprungen und fahre direkt zu den Leuten vor Ort." (Gabriel Stegmann, Geschäftsführer Cycle Care:)

Besonders hervorzuheben ist die Berücksichtigung von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen – neben Fahrrädern werden auch Rollstühle und Rollatoren repariert. Mit stetig wachsender Auftragszahl – allein in der laufenden Saison bereits rund 40 bis 50 Einsätze – und breiter medialer Aufmerksamkeit unter anderem in der Thüringer Allgemeinen, im MDR und im Radio zeigt Cycle Care: Das Konzept kommt an. Cycle Care verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischem Mehrwert – ein Vorbild für zukunftsfähiges Handwerk.

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Nominiert für den Zukunftspreis: Gabriel Stegmann - Cycle Care

Die Brillenhelden GmbH aus Leinefelde-Worbis verbindet seit 2019 klassisches Augenoptikerhandwerk mit modernsten digitalen Technologien – und schließt damit eine echte Versorgungslücke im ländlichen Eichsfeld. Per 3D-Gesichtsscan werden Brillengestelle exakt auf die Kopfgeometrie des Kunden angepasst und anschließend direkt vor Ort per 3D-Druck gefertigt. Augmented Reality ermöglicht zudem das virtuelle Probetragen – bequem vom Sofa aus. Das löst gleich mehrere Probleme: schlecht sitzende Standardbrillen, Unsicherheit beim Kauf und lange Lieferketten.

Seit Mitte 2025 ergänzt Natalie Rosner – nach erfolgreichem Meisterabschluss in der Hörakustik – das Angebot um eine vollständig digitalisierte Hörversorgung. Firmen werden mit individuellem Gehörschutz ausgestattet, Kunden mit modernsten Hörsystemen versorgt – stets mit demselben hohen Anspruch an Qualität und Innovation.

„Unser Mut war größer als unsere Angst – und wir haben es durchgezogen. Dabei hat uns anfangs jeder gesagt, das wird niemals funktionieren." (Natalie Rosner, Geschäftsführerin Brillenhelden GmbH) 

Der barrierefreie Laden im Herzen der Fußgängerzone zieht Kunden aus einem Umkreis von über 100 Kilometern an – und längst auch weit darüber hinaus: Mittlerweile kommen Kundinnen und Kunden aus London, der Schweiz und ganz Deutschland nach Leinefelde-Worbis, um sich bei den Brillenhelden versorgen zu lassen. Mehrfach ausgezeichnet – u. a. als KfW-Landessieger Thüringen 2023 – beweisen die Brillenhelden: Innovatives Handwerk und ländlicher Raum passen hervorragend zusammen.

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Nominiert für den Zukunftspreis: Natalie Rosner und Franz Joseph Rosner, Inhaber von „Brillenhelden“

Die Esmühle in Ershausen ist eine der ältesten noch produzierenden Mühlen im Eichsfeld – erstmals 1420 urkundlich erwähnt und seit 1879 im Besitz der Familie Kellner. Am 31. Dezember 2025 übernahm Daniel Kellner den Betrieb als fünfte Generation – ein bewusst gewähltes symbolisches Datum, das den Generationenwechsel zum Jahreswechsel besiegelte.

„Wir wollten die Mühle modernisieren – und zum Abschluss der Modernisierung sollte die Übergabe stattfinden. Am 31. Dezember haben wir dann die symbolische Schlüsselübergabe vollzogen und die Mühle auf mich überschrieben. Es war ein langer steiniger Weg bis dahin." (Daniel Kellner, Inhaber Esmühle)

2024 wurden die komplette Vermahlungsanlage, Elektrik und Steuerung erneuert sowie Ende 2025 eine innovative Universalschälanlage für Spelzgetreide wie Dinkel und Emmer integriert. Diese ermöglicht es erstmals, Spelzgetreide direkt von regionalen Landwirten zu beziehen, zu schälen und weiterzuverarbeiten – kurze Wege, weniger Emissionen, mehr regionale Wertschöpfung. Damit löst das Projekt ein drängendes Problem: Viele Mühlen im ländlichen Raum stehen vor dem Aus – durch veraltete Technik, fehlende Nachfolger und sinkende Wettbewerbsfähigkeit.

Digitale Produktionssteuerung, Batch-Tracking und moderne Kommunikationstools machen den traditionsreichen Betrieb zukunftsfähig. Das Sortiment reicht von konventionellen Qualitätsmehlen bis hin zu Bio-Produkten und Sondermehlen für Allergiker – auch in Kleinstmengen. Die Esmühle ist damit weit mehr als ein Familienbetrieb: Sie ist ein Anker für die regionale Versorgung und ein Vorbild für gelungene Handwerksnachfolge.

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Nominiert für den Zukunftspreis: Daniel und Manfred Kellner - Esmühle

Die ELMÜ Elektro/Elektronik GmbH aus Mühlhausen geht einen konsequenten Schritt in Richtung Energieautarkie: Mit dem Elmü-Wärmespeicher entwickelt das Unternehmen eine innovative Lösung, die überschüssige Solarenergie der hauseigenen PV-Anlage im Sommer speichert und im Winter zum Heizen nutzbar macht. Die Kernidee erinnert an das bewährte Prinzip des Nachtspeicherofens – nur konsequent weitergedacht: Nicht genutzter PV-Strom erwärmt Heizstäbe, die einen Speicherkörper aus Steinen aufheizen. Dieser Steinspeicher nimmt die Wärme über den gesamten Sommer sukzessive auf und gibt sie im Winter über einen Wärmetauscher an das bestehende Heizsystem ab – ganz ohne aufwendige Umbaumaßnahmen. Damit löst ELMÜ ein zentrales Problem unserer Zeit: die Abhängigkeit von einem volatilen Energiemarkt und die ungenutzte Verschwendung selbst erzeugter Energie.

„Der Ausgangspunkt ist die eigene Photovoltaikanlage. Mit dem überschüssigen Strom werden Heizstäbe betrieben, die einen gut isolierten Steinspeicher erwärmen – ähnlich wie ein Nachtspeicherofen, nur dass wir nicht über Nacht, sondern über den gesamten Sommer Energie sammeln. Im Winter entnehmen wir diese gespeicherte Wärme und heizen damit ganz normal weiter. Das bestehende Heizsystem muss dafür nicht verändert werden." (Oliver Laufer, Projektleiter ELMÜ Elektro/Elektronik GmbH)

Ähnliche Systeme existieren bereits im industriellen Großformat – die eigentliche Innovation liegt in der Skalierung für Einfamilienhäuser, Handwerksbetriebe und kleine Gewerbehallen. Der Steinspeicher ist robust, wartungsarm und auf mindestens 30 Jahre ausgelegt – denn an Steinen gibt es schlicht keinen Verschleiß. Aktuell befindet sich das Projekt in der Prototyp- und Testphase – mit klarem Ziel: Marktreife, regionale Produktion und neue Arbeitsplätze im Raum Mühlhausen.

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Nominiert für den Zukunftspreis: Georg Bischoff und Oliver Laufer - Elmü

Der Dachdeckermeisterbetrieb Milden Hoyer GmbH aus Drei Gleichen hat im Zuge der Unternehmensnachfolge einen tiefgreifenden Wandel vollzogen: In nur zwei Jahren wurde der familiengeführte Betrieb konsequent digitalisiert und neu ausgerichtet – und wächst: Inzwischen zählt das Team bereits über 30 Mitarbeitende, und die nächsten Einstellungen sind bereits geplant. Drohnenvermessung, 3D-Modelle und selbst entwickelte Planungs- und Kalkulationstools sorgen für effiziente Bauprozesse und transparente Kundenkommunikation. Besonders innovativ ist die Einführung der 4-Tage-Woche mit 4 \times 9 Stunden – ohne Produktivitätsverlust. Das löst eines der drängendsten Probleme im Handwerk: den Fachkräftemangel und die sinkende Attraktivität als Arbeitgeber. Ergänzt wird das Konzept durch ein starkes gewerkeübergreifendes Netzwerk aus Zimmerern, Elektrikern, Architekten und PV-Bauern sowie eine eigene moderne Blechwerkstatt.

„Bei uns war die Digitalisierung kein Mittel, um Menschen zu ersetzen. Sie soll die Zeit schaffen, um sich wirklich mit den Kunden auseinanderzusetzen – und den Service hochzuhalten. Gerade im Handwerk sagen die Leute doch immer noch: Ich erreiche niemanden, ich bekomme keine Rückmeldung. Genau das wollen wir nicht mehr sein." (Ken Hoyer, Geschäftsführer Milden Hoyer GmbH)

Alle Maßnahmen greifen ineinander und ergeben ein zukunftsfähiges Gesamtsystem – entwickelt und erprobt im laufenden Betrieb. Auch die Nachwuchsförderung wird großgeschrieben: Auszubildende werden gezielt gefördert, neue Perspektiven im Handwerk – auch im Bereich Social Media und Kommunikation – aktiv geschaffen. Milden Hoyer zeigt: Handwerk hat Zukunft, wenn man sie mutig gestaltet.

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Nun hat die Jury die Qual der Wahl: Anhand einer vorgegebenen Bewertungsmatrix werden die Pitches ausgewertet und die Sieger des diesjährigen Zukunftspreises ermittelt. Die feierliche Verleihung findet am 24. August 2026 in der Handwerkskammer Erfurt statt – die Preisträger dürfen sich dann nicht nur über ein Preisgeld von jeweils 5.000 Euro freuen, sondern auch über besondere Aufmerksamkeit für ihre Betriebe und Projekte.

Bis dahin gilt unser herzlicher Dank den Jurymitgliedern (v.l.n.r.): Michael Tallai, Geschäftsführer der FUNKE Medien Thüringen, Stefan Lobenstein, Präsident der Handwerkskammer Erfurt, Matthias Wierlacher, Vorstandsvorsitzender der Thüringer Aufbaubank, Dr. Franziska Weise, Leiterin Service Forschung und Transfer der FH Erfurt, sowie Peter Zaiß, Präsident der IHK Erfurt, die mit ihrem Engagement und Sachverstand dazu beitragen, zukunftsweisende Innovationen in Thüringen sichtbar zu machen und zu würdigen.

HWK EF
Unsere Jury 2026

Der Zukunftspreis 2026 wird in Kooperation mit der Thüringer Allgemeinen und der Thüringer Aufbaubank ausgelobt. Wir danken unseren Partnern für die Unterstützung!